(Gekürzte Fassung der ersten auf dekonstrukte.de publizierten Fassung von 2012, L.F.)

Pharmakeia!

Anrufung einer Archisignatorin

Leben und Wissen stehen nicht gegeneinander, verlieren gar jeden Unterschied, wenn das eine auf seine geborenen Organismen verzichtet, das andere auf seine erworbenen Kenntnisse, beide aber neue, ungewöhnliche Gestalten erzeugen, in denen sich das Sein offenbart […].“ Gilles Deleuze

Phaidros und Sokrates unterhalten sich über den Ort, den sie außerhalb der Stadt gefunden haben. Und es fällt ihnen ein, dass irgendwo in der Nähe ein Altar des Boreas stehen muss. Dieser Windgott war es, der die Jungfrau Oreithyia von dem Felsen gestoßen hat, als diese „mit der Pharmakeia spielte“. Die Jungfrau war also im Drogenrausch, sonst wäre sie nicht gefallen. Sokrates reflektiert darüber, wie weit er sich eigentlich mit der Bedeutung solcher vergifteten Mythen beschäftigen solle, er müsste dann ja eigentlich auch über Kentauren, Gorgonen, Pegasen und gar die Chimaira nachdenken, was ihm schwer falle, da er dem delphischen Auftrag gemäß immer noch damit befasst sei, sich selbst zu erkennen. Und dazu muss man nüchtern bleiben.

Im sich nun anbahnenden Dialog Phaidros kommen allerdings neben der Nymphe Pharmakeia noch andere Nymphen vor, an die zu denken Sokrates in eine Art von Verzückung bringt, meint er doch, veranlasst von der Magie des an einem Fluß gelegenen Ortes, nicht weit davon entfernt zu sein, im Verfolg der weiteren Rede von den Nymphen „ergriffen“ zu werden und schon den Dithyramben nicht mehr fern zu sein. Die Nymphen konnotiert er mit einer gleichsam überbordenden oder gar übersprudelnden Begeisterung. Sokrates ist ein wahrer nymphóleptos, ein Umstand, den bereits Roberto Calasso vermerkt hat, um gerade mit Blick auf das Element des Wassers, in dem die Nymphen zuhause sind, zu einer poetischen Verallgemeinerung zu gelangen: „Die Nymphe ist der zitternde, oszillierende, funkelnde geistige Stoff, aus dem die Götterbilder, die „eidola“, gemacht sind. Sie ist auch der Stoff der Literatur. Jedesmal wenn die Nymphe sich abzeichnet, vibriert dieser göttliche Stoff, der sich in Epiphanien formt und im Geist ansiedelt, eine Macht, die dem Wort vorausgeht und es trägt. Von dem Augenblick an, da sich diese Macht manifestiert, folgt ihr die Form, paßt sich an und gliedert sich gemäß diesem Fluß.“

Der Pharmakeus Jacques Derrida schreibt: „Ist die knappe Erwähnung der Pharmakeia, am Anfang des Phaidros, ein Zufall? Ein Außer- bzw. ein Beiwerk (hors-d’oeuvre)? Eine Quelle, ‚vielleicht eine heilende‘, wie Robin anmerkt, sei Pharmakeia in der Nähe des Ilissos geweiht. Halten wir jedenfalls das eine fest, daß ein kleiner Fleck, das heißt eine Masche (macula) die Szene dieser Jungfrau, die, als sie mit Pharmakeia spielte, in die Tiefe gestürzt und vom Tod überrascht wurde, in der Tiefe des Gewebes für den gesamten Dialog markiert hat. Pharmakeia ist auch ein allgemeiner Name, der die Verwaltung des pharmakon, der Droge bedeutet: des Heilmittels und / oder Giftes. ‚Vergiftung‘ wäre nicht der am wenigsten geläufige Sinn von ‚pharmakeia‘. Antiphon hat uns das Logogramm einer ‚Anklage gegen eine Schwiegermutter wegen Vergiftung‘ (Pharmakeias ka tés métryias) hinterlassen. Mit ihrem Spiel hat Pharmakeia eine jungfräuliche Reinheit und ein unberührtes (inentamé) Inneres in den Tod gerissen.“

Dieser Passus, der ersichtlich die Motive der Kryptierung bzw. Verschleierung des Textgewebes verbindet mit der Frage nach dem Heilmittel und Gift, warnt zuletzt vor der Pharmakeia, die hier scheinbar nur als Laufmasche im Textschleier verwoben ist, aber stets daran erinnern wird, dass die Frage nach der heilsamen bzw. giftigen Wirkung der Schrift nicht entscheidbar ist. Es gibt, so scheint es, keine reinen Quellen (mehr).

Aus dieser Szene lässt sich auch ableiten, dass das Geheimnis der Pharmakeia in einem Spiel liegt, das das Ende der Unschuld im Umgang mit den Medien einleitet. Inzwischen ist klar, dass es einem medienphilosophischen und kulturwissenschaftlichen common sense (spätestens seit Bernard Stiegler) entspricht, alle Medien als pharmaka zu begreifen. Wer treibt da also was in den Laboren mit den pharmaka? Müsste man von einer neuen Alchemie sprechen? Was mischen die Medienapotheker zusammen? Welche hybriden homunculi entsteigen ihren Phiolen? Und was hätten dabei wir zu tun?

Zügeln wir uns für einen Moment. Wir wissen vorerst nur, dass das pharmakon tatsächlich eine zwiespältige Chiffre ist: heilsam und giftig, anziehend und bedrohlich. Das verbindet sie mit ihrer Galionsfigur und Archisignatorin Pharmakeia und all den anderen Nymphen, die als verführerische, holde, träumerische und erotische Gestalten auftreten können, aber auch als gefährliche wie etwa die Mänaden, die Orpheus erschlugen. Um zunächst der allegorischen Potenz dieser Gestalten nachzugehen, lohnt sich die Erinnerung an Aby Warburgs Inthronisierung der Nymphe als energetische und dynamische Pathosformel, die sich gerade qua künstlerischer Transformation immer wieder aufs Neue als punktierendes Engramm präsentieren kann.

Ulrich Raulff sieht in der nympha oder ninfa einen „Idealtyp, der von der Kopfjägerin bis zur engelhaften Träumerin ein ganzes Repertoire bewegter und erregter Weiblichkeit umfaßt. Ja, das gesamte feminine Personal antiker Mythen und Religionen schien in dieser energischen und energetischen Dame zusammenzufließen.“ Und bemerkenswert angesichts einer pharmazeutischen Funktion der Nymphe, wie sie hier unterstellt wird, ist bestimmt auch Raulffs hermetischer Schluss, den er aus der charakterlichen wie charkateristischen Multiplizität der Nymphe zieht, indem er darin die „Möglichkeit für ein travelling von Assoziationen, eine Art semantisches glissando, analog zu ihrem eigenen lebhaften Eindringen in Räume der Stabilität und traditionellen Ordnung“, sieht, um zu folgern: „Die privilegierte Figur der Bewegungssdarstellung war in sich selbst, ihrem inneren Bedeutungsspektrum nach, beweglich, ja fluide.“

Wir könnten angesichts des fluiden pharmakon die Vorstellung hinzufügen, es gelänge vielleicht der Schritt von der Allegorie zur Abstraktion, so wie Raulff ihn bei Warburg nachgezeichnet hat, indem er den Weg von der Nymphe samt ihren „bewegten Beiwerken“ zur Schlangenlinie abschreitet, um ein telos dieses Prozesses auszumachen, „das man als Kürzelsprache oder Morsealphabet der Energie“ bezeichnen kann. Ob und inwieweit solche Hoffnungen auf Abstraktion, aber auch Konkretion im Rahmen der Beschreibung und Produktion medialer und poetischer Energien fruchtbar gemacht werden können, ist eine zentrale Frage. Zu ihrer Beantwortung, das heißt für die Bearbeitung jener Dynamogramme als „Figurationen von Energie“, steht immerhin schon einmal die so begehrenswerte wie gefährliche Pharmakeia bereit. Sie aufgeladen zu sehen mit allegorischen Potenzen wie auch umgeben von abstrakten Formeln und konkreten Essenzen, gerinnt zu mehr als einem Forschungsauftrag. Man könnte auch sagen, es sei hiermit der Auftrag erteilt, an dem mitzuwirken, was Stiegler eine „Entwicklungspharmakologie“ nennt, welche pharmaka zu produzieren aufgibt.

Aber das ist nicht so einfach. Denn zunächst muss ja der Gefahr begegnet werden, dass Pharmakeia höchstens den Rang eines profanen Cyber-Pinup-Girls erlangt, wenn es dabei bleibt, ihre energetische Aufladung schlicht für ein Weilchen zu behaupten, froh über jene überaus gelehrsame Nymphomanie, die wir mit Nabokov auch Nympholepsie nennen können, um dann noch die Behauptung draufzusetzen: „Die Nympholepsie ist eine exakte Wissenschaft.“

Zur Fundierung dieser Wisssenschaft wäre es mindestens geraten, die gut abgesicherte kunsthistorische These Didi-Hubermanns heranzuziehen, der angesichts der kasuistischen Auffächerung der Nymphenikonographie eine „sehr lange, sehr langsame Bewegung“ ablaufen sieht – „wie ein über Jahrhunderte hinweg gedrehter Film, den man mit Gewalt beschleunigen müßte, um seine Logik zu durchschauen –, die nicht aufhört zu verstören: jene des unwiederbringlichen Falls der Ninfa, ihrer Bewegung hin zum Boden, ihres verlangsamten Niedergangs.“ Diesen zwischen erotischen und melancholischen Motiven ablaufenden Fall des Körpers (der Nymphe) zeichnet der Kunsthistoriker in beeindruckender Manier von der Antike über die Renaissance hinein in die Moderne, dort über Baudelaires Passantin im 19. sowie den Putzlumpen als Pariser Draperie im 20. Jahrhundert und darüberhinaus nach, um zuletzt selbstredend die Nymphe gerade in ihrem Nachleben zwischen wissenschaftlicher Recherche und philosophisch-poetischer Imagination, in einer dialektischen Perspektive des sich öffnenden und schließenden Auges, wiederauftreten zu sehen.

Wie, wenn wir die Nymphe des phamakon Schrift erst einmal nur als im Niedergang befindlich begreifen sollten, weil die Schrift und ihre Körper und Werke, jedenfalls so, wie sie uns im Gutenbergzeitalter präsentiert wurden, zu Boden gehen und abgelöst werden von einer neuen Schrift im Netz, die nicht mehr mit der Vorgängerin identisch ist? Und ist diese Pharmakeia nicht allererst in ihrem Nachleben begehrenswert? Nehmen wir nur die uns vertrauten, vielleicht elaboriertesten Gebilde der Schrift, die der Literatur selbst: Was meint Roland Barthes am Ende seines Denkens, wenn er von seinem „Begehren“ spricht, das um so „lebhafter“ werde, „je mehr ich das Gefühl habe, daß die Literatur dabei ist zu verkümmern, sich abzuschaffen: In diesem Fall liebe ich sie mit einer hartnäckigen, ja erschütternden Liebe, so wie man liebt und in die Arme nimmt, was sterben wird.“?

Aber Pharmakeia hält sich doch nicht an ein einziges Medium. Auch deshalb liegt sie erheitert am Rande des Brunnens, in den gerade der zu den medialen Konstellationen aufblickende Theoretiker gefallen ist. Und vielleicht ist sie nicht allein, hat sie sich doch längst mit den anderen wirkmächtigen Frauen der Schrift, der Medien und der Zaubermittel zusammen getan: so etwa mit Isis, die schon als Schutzpatronin der Medien ausgegeben wurde, aber auch mit Kirke, die selbst gelegentlich als Pharmakeia figuriert, jedenfalls dann, wenn sie mit Hermes und Odysseus einen pharmazeutischen Wettkampf austrägt. Und es müsste uns noch die Chimaira interessieren, die der alte Sokrates fürchtet und der der alte Derrida noch ein Denkmal setzt, indem er sie zum veritablen „zoopharmakon“ erhebt. Ich bin davon überzeugt, dass sich in ihrer Nähe auch die auf dem Schwein reitende Baubo aufhält, die Demeter eine Art euphorisierendes Antidot vor Augen stellt, nachdem deren Tochter Persephone ausgerechnet mit Pharmakeia in den Hades hinabgestiegen sein soll.

Kurzum, welche Zauberinnen, Nymphen, Nereiden, Mänaden und Musen da auch immer noch konspirieren mögen – es verdankt sich ihre Wertschätzung nicht der blanken Lust an der mythopoetischen Reanimation. Sie treiben uns um, um uns daran zu erinnern, dass und wie wirkungsvoll ist, was wir da tun, indem wir lesen, schreiben und klicken, und dass wir uns den giftigen und heilsamen Effekten dieser Vorgänge nicht entziehen können und besser aktiv und selbstbewußt produzieren und experimentieren statt in den Archiven zu erstarren.

Vielleicht sprechen wir deswegen schon länger nurmehr von Anarchiven. Vielleicht werkeln wir auch deswegen schon länger an unserer Poetopharmazie. Und ob die paradigmatische Pharmakeia nun eine Figur ist oder schon viele, ob sie historisch gewordene Gestalt oder Formel ist – ganz gleich, uns gereicht sie zur Archisignatorin. Sie signiert die Gründungsakte der Poetopharmazie und damit auch jene „andere Geschichte“, von der Giorgio Agamben am Ende von Signatura rerum behauptet, sie müsse erst noch erforscht werden: Diese Geschichte, die ohne Dekonstruktion und Archäologie kaum denkbar ist, erzählt von einer „Praxis“, die an einen Punkt zurück- und über ihn hinausgeht, „an dem die Trennung in Signatur und Zeichen, Semiotisches und Semantisches begonnen hat und die die Signaturen damit zu ihrer historischen Vollendung bringt.“ Wir sagen weder, wir wären dicht davor, noch, wir hätten verstanden. Aber allein unsere Signatorin in die Rechte getreten zu sehen, ermuntert uns zu jener Praxis, wie sie allen Werdensprozessen eigen ist.

Es wird also schon. Ist indes mit einer solchen Anrufung alles getan? Wäre nicht mindestens dem Vorbild des fiktiven Thomas Edison zu folgen, so wie er in dem Roman L’eve future (Die künftige Eva) von Villiers auftaucht? Edison schreitet zur Tat und baut eine Andreide, eine artifizielle Nymphe. Der Gedanke ist alt, gewiss, aber nicht tot. Prothetische Nymphen sterben nicht, und sie sind reparierbar.

Es wird indes schon ausreichen, die Nymphe, Archisignatorin und Andreide als bewegtes Beiwerk zu erkennen zu geben und auf ihren weiteren Weg zu vertrauen. Mag sein, wir treffen neuerlich auf eine „Androsphinx“. Bei Villiers orakelte sie bereits: „Wenn du nur wüßtest, wie sanft die Nacht meiner künftigen Seele ist und in wie vielen Träumen du auf mich wartest! Wenn du wüßtest, welche Reichtümer an Leidenschaft, an Melancholie und an Hoffnung mein Wesen verbirgt, das keine eigene Person darstellt!“

Leonhard Fuest