Das alexipharmakon, das Gegengift, ist das Produkt der Transformation eines kritischen Diskurses in ein kleines, wirkungsvolles, poetisches Performativ, das die Widerstandskräfte der humanen Intelligenz stärken soll. Es ist zweifelsohne eines der wirkmächtigsten Paradigmen der Poetopharmazie.

Die um sich grei­fende Ignoranz dem humanum und seiner philosophisch-literarischen Tradition gegenüber ist Teil eines Vergiftungszusammenhangs, der seinerseits kaum mehr eine menschliche Urheberschaft kennt. Die Neuprogrammierung so zentraler Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Sprechen ist im vollen Gange, geht aber auf keine souveräne Kultur- und Wissenschaftspolitik zurück. Die Steuerung kommt aus dem Feld der Konsum-, Programm- und Informationsindustrien.

Man muss das analysieren und kritisieren (siehe hierzu auch den Punkt Narkokulturen). Dieser Pflicht nachzukommen, bedeutet aber nicht, im Großen und Ganzen an dem Vergiftungszusammenhang etwas ändern zu können. Es ist daher zunächst geboten, die Methoden zu prüfen: An die Stelle des Großen (Geredes) sollte mindestens ein Mikro-Engagement treten. Die alexipharmaka sind mithin Gegengifte, die wenigstens kleine Widerstände gegen den und doch immer nur im Vergiftungszusammenhang anregen. Die literarisch-philosophische Tradition ist reich an alexipharmaka.

HERMETICUM: „Auch Harz und das der Ceres geweihte Pro­duct der Biene, sowie die Wurzel von Galbanum und warme Eier der Schildkröte, die entwe­der über loderndem Feuer mit dem Fleische der gehörnten Meerschild­kröte, welche schnell­füßig dahinschwimmt, oder mit dem der schneckenkleefressenden Berg­schildkröte zusammen gekocht sind, wirken heilend. Der letzteren verlieh der gütige Hermes eine Stimme, wenn sie auch nicht zu sprechen vermag; er trennte nämlich von ihrem Körper die buntschillernde Schale und spannte an ihrem Schulterteile jederseits einen Stab aus.“ (Ni­kander, Alexipharmaka, 39 f.)

CALVINUM: „Manchmal scheint mir, als ob eine Pestepidemie über die Menschheit gekommen wäre und sie gerade in ihrer charakteristischsten Fähigkeit getroffen hätte, das heißt eben im Gebrauch der Worte, eine Pest der Sprache, die sich als Verlust von Unterscheidungsvermögen und Unmittelbarkeit ausdrückt, als ein Automatismus, der dazu neigt, den Ausdruck auf die allgemeinsten, anonymsten und abstraktesten Formeln zu verflachen, die Bedeutungen zu verwässern, die Ausdrucksecken und -kanten abzuschleifen und jeden Funken zu ersticken, der beim Zusammenprall der Worte mit neuen Situationen entsteht. Ich will hier nicht der Frage nachgehen, ob die Ursache dieser Epidemie in der Politik zu suchen ist, in der Ideologie, in der bürokratischen Gleichschaltung, in der Homogenisierung der Massenmedien oder in der Art, wie die Schule eine Kultur des Mittelmaßes verbreitet. Was mich interessiert, sind die Möglichkeiten zu einer Heilung. Die Literatur (und vielleicht nur sie) kann Antikörper bilden, die sich der Ausbreitung dieser Sprache entgegenstellen.“ (Italo Calvino: Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend, 76)

SAVIANUM: „Der Zuhörer oder Leser kann sich das Erzählte zu eigen machen, um in einer Situation, die noch in der Zukunft liegt, entsprechend zu handeln. Diese verschwimmenden Ränder hat jede Erzählung, und sie liegen im Bewusstsein dessen, der diese Erzählung hört. Eine Erzählung hören und sie sich zu eigen machen ist, als würde man eine Formel erhalten, um die Welt wieder ins Lot zu rücken. Oft denke ich, dass eine Erzählung wie ein Virus wirkt, denn auch eine Erzählung kann ansteckend sein. Sie kann die Welt verändern, indem sie die Menschen verändert. Deshalb habe ich meinen letzten Monolog der italienischen Verfassung gewidmet, den Gesetzen, die nicht tote Buchstaben sind, sondern lebendiger Ausdruck des Denkens. Sie sind das Gegenmittel zu dem Schrecklichen, was in unserem Land passiert.“ (Roberto Saviano, Der Kampf geht weiter, 30 f.)

DERRIDOT: „Nichts ist der Dekonstruktion ferner, auch wenn es in manchem anders erscheinen mag, nichts ist ihr fremder als die Chemie, als jene Wissenschaft der Einfachen [F.N. ‚Science de simples‘, im Sinne der einfachen Elemente, wie sie durch chemische Analysen gewonnen werden. ‚Simples‘ bezeichnet aber auch die ‚Heilpflanzen‘ oder ‚Heilkräuter‘.] […] Was ist die Dekonstruktion der Gegenwärtigkeit, wenn nicht die Erfahrung dieser hyperanalytischen Zerlegung des Einfachen und des Ursprünglichen? Die Spur, die Schrift, die Marke: das ist im Herzen der Gegenwart, im Ursprung der Gegenwärtigkeit eine Bewegung der Verweisung auf den anderen, auf anderes, eine Referenz als différance, die einer Synthesis a priori gleichen würde, wenn sie der Ordnung des Urteils unterstünde und wenn sie thetisch wäre. Doch in einer prä-thetischen und prä-judikativen Ordnung ist die Spur vielmehr eine irreduzible Verbindung, und eben aufgrund dieser ursprünglichen Zusammensetzung widersteht sie einer Analyse chemischen Typs […].“ (Jacques Derrida, Vergessen wir nicht – die Psychoanalyse, 164 f.)

STIEGLERIOSUM: „Die Gesellschaften der Gegenwart bedür­fen einer Soziotherapie, die die theoretische und praktische Ausarbeitung einer Entwicklungs­pharma­kologie voraussetzt, so wie man seit Piaget auch von der Entwicklungspsychologie spricht. […] Untersuchungen zu den synaptogenetischen Effekten der Medien auf die Auf­merksam­keit führen vor Augen, daß es so etwas wie Epochen des pharmakon gibt. Es ist da­her die vordringliche Aufgabe der öffentlichen und privaten Mächte, der Psychomächte und der Noomächte, für die öffentliche Gesundheit, das heißt für die Gesundheit der Jugendlichen und der Erwachsenen, vor allem aber für das wertvollste lebendige noetische Potential Sorge zu tragen: für die nachwachsenden Generationen der nicht-inhumanen Wesen sowie letztend­lich für das Überleben der gesamten Gattung der Nicht-Inhumanen, das ohne eine globale Steige­rung der Intelligenz nicht gewährleistet werden kann.“ (Bernard Stiegler, Von der Biopolitik zur Psychomacht, 180 f.)