Die Poetopharmazie ist ein interdisziplinärer Forschungs- und Entwicklungsgenerator, dessen zentrales Anliegen in dem Brückenbau zwischen Gutenberg- und Internetzeitalter besteht. Es wird so grundständig wie differenziert nach der Her- und Zukunft der humanen Intelligenz gefragt. Die Antworten finden sich nicht mehr allein in großen Diskursen, sondern auch in kleinen Versuchen. Es lohnt sich, genau zu sein, wenn es um die Gemengelage von humanum, bios, techne und medium geht. Und man kann etwas machen.

Dazu ist eine alte Arbeitshypothese hilfreich: Alle Medien sind pharmaka (Heilmittel, Gifte, Drogen). Diese Definition folgt dem Vorschlag, wie ihn Platon im Phaidros bezüglich der Schrift gemacht hat und der inzwischen längst auf die neuen Medien ausgeweitet wurde. Wenn es um Gifte und Heilmittel in Form von Schriften und anderen Medien geht, müssen mindestens pharmakologische und poetologische Erkenntnisse kombiniert werden.

Der aus dieser Kombinatorik hervorgehende Neologismus poetopharmakon markiert einerseits seine Offenheit der medialen Entwicklung und Programmierung gegenüber. Andererseits basiert er auf den irreduziblen Essenzen der Schrifttradition, ohne die die neuen Medienkulturen nicht entwicklungsfähig sind.
Das poetopharmakon ist mithin ein transformatorischer und interaktiver Begriff, den zu begreifen auf ein Eingreifen in den Wirkungszusammenhang der Medien hinausläuft.
Die Eingriffe werden in der Poetopharmazie vorgenommen.

Leonhard Fuest

April, 2013